Zukunft Ehrenamt? Entwicklungen der Gesellschaft und Gemeinschaften

Ich setze meine Überlegungen auf einen Text zum gemeinschaftlichen Leben von Gerold, weil er mich in seinem Beitrag genau in der richtigen Weise anregte, über den "Ersatz" gemeinschaftlichen Lebens zu schreiben.

Auf die Ursprünge und weiteren Umstände werde ich in der Sozialwissenschaft eingehen, hier nur eine Pol-emik:

 

"daß diese Individualisierung, also diese "PseudoIndividualisierung" des kapitalistischen Systems in dem wir Leben, uns daran gewöhnt hat, entweder uns in diese unnnatürlichen Singledaseins einzurichten, oder eben in mehr oder weniger autistischen Zweierbeziehungen zu Leben."

Auslöser für manche, sich in einem Engagement in einer Einrichtung, einem Verein einzubinden und nach der Wertschätzung der dortigen KollegInnen zu streben. Auch, wenn diese in der Arbeit nicht zu bekommen ist:


"Auch die Familien leben ja relativ isoliert von den anderen Mitmenschen. Die Arbeitswelt ist der Ersatz für das soziale Leben geworden & da die Arbeit einen riesigen Teil der Zeit, des menschlichen Daseins des "Homo
Ökonimikus" ausfüllt, sind wir natürlich dann froh, wenn wir endlich Freizeit haben, für uns sein zu können."

Wer aber keine Arbeit mehr hat, hat nun plötzlich auch nicht mehr das soziale Leben auf dem entsprechenden Niveau. Menschen ähnlicher Interessen und Haltungen brauchen wir zur Bestärkung, nicht alleinig und verrückt zu sein, verschroben oder verquer.


"Die Beziehungen, die wir haben, sind meist oberflächlich und konformistisch & konsumistisch. Wer also anders Leben will, ist schon wieder etwas isolierter, denn der heutige Mensch hat sich in seiner Oberflächlichkeit & Konformität eingerichtet."

In den Jargon der Geschäftsführenden in den sozialen Einrichtungen hat sich die Formel "mit Sinnüberschuß" eingenistet: Sinn Suchende finden ihn im Ehrenamt im Dienst einer "guten Sache", inzwischen auch gerne ausserhalb der Kirchen und ihrer Dienstleister, denen aus verschiedenen Gründen der gute Ruf abhanden gekommen ist.

 

"Die richtige Lebensweise wäre also meiner Meinung nach die, in Gemeinschaften zu Leben. Aber unsere Häuser in denen wir Leben, sind nicht gerade Gemeinschaftstauglich.

Ganz so viel Gemeinschaft sucht der städtische Mensch meistens nicht, schon Nachbarschaften wollen ausgewählt sein. Viele fliehen aus der ländlichen sozialen Kontrolle, wollen dann auch nicht ständig im Blick der Anderen sein, die wieder urteilen könnten, wie Eltern, Lehrer, Nachbarn.


"Singleapartments und überhaupt die Struktierung der meisten Wohnanlagen tragen nicht gerade dazu bei,
ein gemeinschaftliches Leben üben zu können. Die Freizeitangebote & die Freizeitindustrie ist konsumistisch & konformistisch. Wer also nicht immmer den Konsum als Hauptlebenszweck, in allen Lebenslagen akzeptiert, hat ein Problem, denn er muß in erster Linie Konsummensch sein, um überhaupt in der Pseudogesellschaft
akzeptiert zu werden."

Pseudo bezieht sich wohl auch auf das Gemeinschafts-Bild bei Scott Peck, der unsere oberflächlichen Kontakte von einer Gemeinschaft des wrklichen Hin- und Zuhörens unterscheidet:

In ehrenamtlicher Arbeit erwarten wir mehr von dieser Zuwendung, die neben äusserer Vertrautheit auch die Möglichkeit zum Austausch von Sorgen und Nöten, Gesundheit, Familie und Gedanken zum Sterben um uns geben.


Außerdem dient viel nur der Zerstreung und nicht richtiger Gemeinschaft. Mitmenschen, die probieren in Kommunen, Ökodörfern, oder die einfach nur probieren in Gemeinschaftsgärten, gemeinschaftlichen
Kulturzentren usw, sich zu treffen sind relativ Wenige und die Möglichkeiten alternativer zu Leben, sind ja nicht groß und eben die dominierende Arbeitswelt verhindert ja oft ein wirklich soziales Leben.

In freiwilliger Mitarbeit können wir uns eine Umgebung schaffen, die nicht so intensiv wie die gezielte persönliche Selbsthilfe, die Konzentration beim Leben der anderen lässt: Ob Geburtstagsfeiern oder Krankenbetreuung, Sterbebegleitung oder Nachbarschaftshilfe: Es berührt uns, aber es vernichtet uns nicht.


Manche haben ja eben wegen ihrem Beruf den Eindruck, daß Sie ein soziales und gemeinschaftliches Leben leben. Worauf will ich raus?
Gerade ich, der sich in seinem Singledasein eingerichtet hat und der sich schon schwer tun wird, wegen all diesen geschilderten Angelegenheiten, wie Arbeit, Entfernung, Zeit und individueller Lebensweise, eine Zweier-Beziehung am Laufen und Leben zu erhalten.

Das Ausgeliefert sein an Beziehungsleben und Familienrolle kann im Ehrenamt eine Pause finden: Eine Sonder-Rolle, die auch wieder - auch zeitweise - abgelegt werden kann.


Wir müßten also Lernen wieder wirklich gemeinschaftlicher zu werden. Aber Heutzutage haben wir ja Facebook, daß uns wieder von echter Gemeinschaftlichkeit entfernt, denn wir müssen ja nicht mal mehr Aufstehen und aus dem Haus gehen, um oberflächlichen Kontakt am Computerbildschirm bzw. im Internet zu zelebrieren.

Die Kontakte und Übungen im Internet bleiben abstrakt, bis sie tatsächliche Auswirkungen bekommen: Was früher Porto und Telefonrechnung kontrollierten, ist heute die Online-Abhängigkeit mancher Plattformen-Kontakte, die so freundlich bleiben, weil wir es dort sind ...


Soziale Plattformen wie Facebook usw. tragen also zur Individualisierung bei, wenn wir es nicht schaffen,  Facebook & Finya usw. als Ausgangsbasis für wirkliche gemeinschaftliche Treffen, Beziehungen und Organisationen zu nutzen.

Wir konnten es noch nicht gelernt haben, Freundschaften vom Netz in das reale Leben zu transferrieren, und der amerikanische Stil, schnell mit allen Freund zu sein, aber dabei einen Unterschied in der Intensität zu halten, während wir im europäischen / deutschen Raum eher die Intensität allmählich wachsen lassen ...


Individualisierung ist ja ein tolles Wort & die meisten denken ja, ihre Pseudo-Individualität wäre etwas supergutes, aber ich wäre schon lieber ein "Anti-Individualist" um eben statt oberflächlicher Geselligkeit, richtige
Mitmenschlichkeit und Gemeinschaft leben zu können.

Die Ehrenamtlichkeit muss uns die individuelle neue Rolle zugestehen, in der wir uns gerade vorstellen, damit wir die Chance haben, unsere Veränderungen in einer neuen wohlwollenden Umgebung zu erproben. So bekommen wir einen Luxus-Lernraum, wenn alles gut geht, und finden eine neue menschliche Heimat.


Vielen Mitmenschen sind gerade wegen der geschilderten Angelegenheiten, wie dominierender Arbeit usw. diese Gedanken suspekt und möchten doch gerne den Rest des Hamsterrades lieber nur genießen. Das ist verständlich. Aber wenn alle doch Ihr Leben so toll genießen...Woher kommt dann die allgemeine Unzufriedenheit?

Ein Wunsch hinter dem Ehrenamt ist, dass sich auch andere um uns kümmern, und dass wir uns das verdient haben - vor den jenseitigen möglichen Belohnungen. Bleibt das aus, steht bald der Wechsel ins haus: In eine mehr versprechende vorübergehende Gemeinschaft.

 

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